Mockumentary und die Youtube-Generation
Bei Morphium Film wird derzeit eifrig an einer Serie für einen Internetfernsehanbieter gearbeitet. Nach mehreren Versuchen, dem Kunden ein originelles Format mit überzeugender Storyline anzubieten, wurde sich nun zunächst darauf geeinigt, eine Teaserstaffel zu produzieren, die auf den zahlreichen das Internet unsicher machenden Fashion Blogs basiert – kein spannendes Serial also, sondern leichte Kost für die Youtube-Generation.
Ungewöhnlich für mich: erstmals sitze ich nur auf dem Stuhl des Cutters, statt Regie zu führen – Morphium produziert hier nicht, sondern ist als Kamera- und Schnittdienstleister tätig. Und ich tue mich wirklich schwer damit, die Sehgewohnheiten der ‘Youtuber’ und ‘Myspacer’ zu verstehen. So streite ich mich schon mal mit dem Regisseur darüber, ob Glowblenden auf Schnitten erlaubt sind, und man wohl Widescreenbalken über ein 4:3 Bild legen darf.
Ein guter Grund, mich einmal näher mit dem Genre der ‘wackelnden Kamera’ zu beschäftigen.
Angefangen hatte alles mit dem Wunsch des Kunden, eine Serie im Stil von Lonelygirl15 zu entwickeln. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Lonelygirl-Hype gänzlich an mir vorrübergegangen. Ich sah mich also genötigt, mich tief in die Materie hineinzulesen und zu schauen, und war sofort fasziniert vom Aufbau der Serie und der oft sehr einfühlsamen Erzählweise. Die Story war nichts neues (Teenager in den Klauen von Satanisten), die Dialoge höchstwahrscheinlich improvisiert, und die Dramaturgie litt deutlich unter den Beschränkungen von Youtube.
Und doch schafft die Serie es, einen guten Mittelweg zwischen der rauhen Art des Youtube- und Blogjournalismus und stylisch bewegenden Schnittsequenzen zu fahren, und mit letzteren also die Limitationen aufzubrechen, ohne die nach Realismus gierenden Zuschauer zu verprellen.
Achtet nur mal auf die atmosphärischen, mit Musik untermalten Bilder bei Minute 01:40 im folgenden Clip (etwa aus der Mitte von Staffel 1):
Und hey, wir sehen hier letterboxed 4:3 Bilder. In diesem Punkt aber muss ich Moritz – dem Regisseur des Fashion Blogs rechtgeben: es wirkt doch arg gewollt.
Das faszinierende am Genre der ‘wackelnden Kamera’ – konzentrieren wir uns hier auf Mockumentaries – ist, dass jeder Film und jede Serie für sich beansprucht, den Stil erfunden zu haben. Obwohl Lonelygirl15 eine alte Story erzählt, dabei auf Charakterstereotypen zurückgreift, und stilistisch eine Mischung aus ‘Blair Witch Project’ und Interviewszenarien darstellt, erscheint uns das Konzept doch neu.
Ähnlich ist es mit anderen sporadisch in diesem Genre auftauchenden Filmen. ‘Cloverfield’, ‘Behind the Mask’, ‘Stromberg’. Die Geschichten sind meist simpel und wenig originell, und doch erscheint uns das Ganze innovativ.
Dabei nutzen sie Stilmittel, die wir selbst tagtäglich einsetzen. In Urlaubsvideos, Handynachrichten und Youtubevideos. Und eben deshalb ist wahrscheinlich die Authentizität entscheidend. Soviel zum Thema Glowblenden, um harte Schnitte zu vertuschen.
Und eben weil das Genre so simpel funktioniert, und gar nicht versucht, vorzutäuschen, dass in Sachen Dramaturgie und Storyentwicklung seit Aristoteles irgendetwas passiert sei, kann es als unerschöpfliche Inspirationsquelle fungieren.
Müssen wir über ‘Blair Witch Project’ reden, und den viralen Hype, den es ausgelöst hat? Oder über ‘Man Bites Dog’ und den Einsatz der gesellschaftlichen Satire? Über ‘The Rutles’ von Eric Idle und ‘Cannibal Holocaust’?
Hier ein paar Beispiele unbekannterer Genrevertreter:
Ghostwatch
Eine BBC Fernsehproduktion von 1992, die in Orson Welles Manier die Zuschauer in Angst versetzte. Heutzutage etwas altbacken, aber ein grandioser Vorreiter der ‘wackelnden Kamera’, und ein guter Anlass, Emule zu reanimieren.
The Last Broadcast
Schon ein Jahr vor ‘Blair Witch Project’ schaffte dieser Film es, die intime Atmosphäre der subjektiven Kamera aufzubauen, und darüber hinaus ein einzigartiges Puzzle-Spiel aus Fakt und Fiktion zu inszenieren.
Incident at Loch Ness
Herrliche Mockumentary mit Werner Herzog in der Hauptrolle, die nicht nur auf seine Persönlichkeit, sondern auch auf seine Vergangenheit baut (“Ich habe Kinski nie mit einer Waffe zum Spielen gezwungen!”):
Ein Beispiel, dass das Genre im Grunde ähnlich wie Boulevardpresse funktioniert, und also gut für Persiflagen geeignet ist.
Diary Of The Dead
Und zuletzt: in eigener Sache. Mein Lieblingsregisseur, der großartige George Romero, hat aus Hollywood in die Realität zurückgefunden und mit seiner Mockumentary einen würdigen Abschluss für seine Zombie-Quintologie geschaffen.
Bleibt die Frage: wie entwickelt sich das Genre oder der Stil. Wird in 10 Jahren die filmische Kultur aus Handkamera und Pseudorealismus oder gar aus den künstlerischen Ambitionen von Amateuren, Youtubern und Bloggern bestehen? Ich möchte das gar nicht abwerten, bin eher gespannt auf den inspirativen Input der Internetöffentlichkeit.
Und ich bin gespannt darauf, ob Glowblenden und Widescreen erlaubt sind, oder die ultimative Realität zählt.
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März 31st, 2009 at 7:05 pm
[...] großes Thema ist die Mockumentary. Ein faszinierendes Genre, das immer wieder auch ein Comeback im Kino erlebt. Angefangen mit der [...]