Morphium-Film Blog

Search

Meta

  • Subscribe in a reader


Morphium Filmclub – Swordsman 3

Februar 19th, 2010 by Thomas

Wer selbst Filme macht, sollte auch ein Auge auf Fremdproduktionen behalten, und insbesondere das Gespräch über Filme kultivieren. Die Entwicklung von visuellen Stilmitteln, inhaltlichen und dramaturgischen Elementen schreitet seit über hundert Jahren beständig voran. Hier die Übersicht zu behalten, neue Entwicklungen zu erkennen, und Änderungen in den Sehgewohnheiten aufzugreifen sollte ein Hauptanliegen für den modernen Filmemacher sein.

Um unseren eigenen Dialog über Filme über den normalen Kinogang hinaus zu fördern, haben wir in unseren Büroräumen einen ‘Filmclub’ angeregt. Neugierige und aufgeschlossene Filmfans treffen sich dabei alle 2 Wochen zum gemeinsamen Filmerlebnis mit nachfolgender Diskussion.

Nicht immer war bislang der Film die tiefere Betrachtung wert, doch wir halten eisern durch, und versuchen jeden Film in der Diskussion gerecht zu behandeln.
Um unsere ‘Erkenntnisse’ und ‘Erleuchtungen’ zu dokumentieren, und möglicherweise einen roten Faden in unserer Art der Filmanalyse zu entdecken, möchte ich die Ergebnisse der Diskussionen ab jetzt im Blog zusammenfassen.

Film dieser Woche war

Swordsman 3 (aka East ist red)

Der erste Film der Swordsman-Reihe wurde 1990 von King Hu inszeniert und markierte die Renaissance des Wuxia-Genres (einer Mischung aus kung Fu und Fantasy), das 1971 durch King Hus eigenen Film ‘Ein Hauch von Zen’ seinen Höhepunkt erreicht hatte. Co-Regisseur und Action-Choreograph war schon im Original Ching Siu-Tung (bekannt für seine Regiearbeit bei ‘A Chinese Ghost Story’ und die Action-Choreographie bei Zhang Yimous ‘Hero’), der ab dem 2. Teil das Zepter komplett in die Hand nahm.

Ab dem zweiten Teil wurde die Figur des/der ‘Dong Fang Bu Bai’ (gespielt von Brigitte Lin) in die Reihe eingeführt, die im Mittelpunkt des 3. Teils steht, und diesen zum wichtigsten Film des ‘Hong-Kong-Kinos’ machte:

“Die Darstellerin machte die Figur zum Mythos, die Rolle seine Darstellerin zur Legende. Das alles mag übertrieben klingen, doch man braucht nur den Namen „Dong Fang Bu Bai“ gegenüber Chinesen oder sonstigen Ostasiaten auszusprechen. Wenn man die Betonung trifft und das Gegenüber die Worte versteht leuchten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Augen, wird bejahend mit dem Kopf genickt. Ja, diese Figur kennt man, diese Darstellerin kennt man.”

(“Dong Fang Bu Bai” – Aspekte einer Schlüsselfigur des Hongkong Kinos; in: HighNoon, Filmzeitschrift des aka-Filmclub e.V.)

Die Figur des/der ‘Dong Fang Bu Bai’ (oder ‘Asia’) spiegelt dabei einen der wichtigsten Aspekte des chinesischen Kinos wieder: den Verlust oder die Neudeutung des Geschlechts, bis hin zur kompletten Entmenschlichung:

“The boundaries of identity have been blurred by Swordsman II, and in The East Is Red [Swordsman 3], Fong essentially has to make the passage back to convince us she is a human being in order to transgress bounds. The East Is Red explores this realm through a complex narrative use of masks and masquerade. Throughout the film, many of the characters wear masks. The individual currently masquerading in the world as invincible Fong is actually the weak-hearted and fragile Snow, a woman who was once Fong’s lover”

(Swordsman II and The East is Red – The “Hong Kong Film,” Entertainment, and Gender; by Rolanda Chu)

Swordsman 3 ist, wie jeder Film des Hong-Kong-Kinos, übervoll mit Symbolik und Intentionen:

“Während westliche Kulturen wesentlich mehr auf Wort und Dialog focussiert ist, ist die ostasiatische Kultur eher eine Bild- und Symbolkultur. „Dong Fang Bu Bai“ wird mit „Asia the Invincible“ übersetzt, keine zufällige Namenswahl. Zumindest in „East is Red“ scheint „Asia“ weniger für Asien zu stehen, als vielmehr für China. Dieses China rechnet mit all jenem ab, was den Chinesen als Feind gilt: korrupte und degenerierte Beamte, üble Scharlatane die durch Aberglauben Chaos und Anarchie verbreiten, Spanier und Japaner.
[..]

Gegen Ende des Films benennt sich „Asia the Invincible“ in „World the Invincible“ um – der Name steht als Herrschaftsanspruch.”

(in: HighNoon)

Fest steht, dass das chinesische Kino für den Westeuropäer stets kryptisch bleiben wird. Um es zu entschlüsseln braucht man intensive Kenntnisse von Religion und Politik des Landes. Fest steht aber auch, dass der Entertainment-Faktor der fliegenden Mönche auch im westlichen Raum final angekommen ist.

__________

Nach dem Film (vielleicht auch wegen des sehr verspäteten Screenings) waren wir alle etwas geplättet. Zu viel Information auf zu wenig Zeit steckte in dem Film. Frauen, die auf Schwertfischen reiten (Symbolik?), fortwährende Wiederholungen der gleichen Kampfszenen mit flatternden Gewändern und fliegenden Nadeln. Abrupte Sprünge in den Szenerien und Dialogen.

Und über der gesamten Diskussion schwebte die Frage: lohnt der Versuch der Analyse bei einem solchen Film überhaupt? Würde auch ein Chinese versuchen, den Film auf seine Bedeutung hin zu analysieren, oder wenigstens unterbewußt die Symbolik verstehen? Oder ist ein solcher Film in Hong Kong ausschließlich leichtes Entertainment, vergleichbar etwa mit den Transformers-Filmen, und die offensichtliche religiöse und mythologische Symbolik nur ein bedeutungsloses Mesh-Up?

Ein spannender Aspekt jedenfalls, den wir in der Diskussion nicht einheitlich klären konnten, ist der Umgang mit Historienfilmen. In China und Hong Kong scheinen die meisten Filme auf eine abstrakte Art auf die Historie Bezug zu nehmen, bleiben dabei aber meist unreflektiert, fast glorifizierend. Prostitution, lesbische Liebe in einer patriarchalischen Gesellschaft, Militär, Saufgelage – all das sind unkommentierte Storyelemente, die als normal und bekannt vorausgesetzt werden. In einem europäischen Historienfilm würden sie wahrscheinlich zum kritischen Hauptthema erklärt. Kaum denkbar, die Hochzeit einer 12jährigen unreflektiert darzustellen, ohne die Verwerflichkeit des Gezeigten aus der modernen Sicht deutlich zu machen. Die Chinesen scheinen hier keine Verwerflichkeit zu kennen.

Eine weitere interessante Frage war die nach dem Ursprung der Komplexität in der Symbolik und der Narration. Während europäische und amerikanische Filme nach einfachen Mustern mit allgemein verständlichen Symbolen funktionieren, vermischen sich in chinesischen Filmen die unterschiedlichsten Kulturen, und ohne ein Verständnis für all die unterschiedlichen Mytholgien ist es kaum möglich, den Film mehr als oberflächlich zu sehen. Zunächst scheint dies natürlich an dem starken abendländischen Kulturkreis zu liegen (der sich in Büchern und Filmen hauptsächlich auf christlich religiöser Symbolik aufbaut). Bei näherer Betrachtung aber stellt man fest, dass Europa nicht immer so groß und geeint war, und im Gegenteil der Unterschied in den Sagen, Erzählungen und Symbolen der Regionen doch mindestens mit der Vielfalt der chinesischen kultur mithalten kann. Die Frage muss also offen bleiben.

Sollte ich unsere Diskussion zu sehr aus meiner eigenen Perspektive widergegeben haben, mögen mir dies meine Filmclub-Mitstreiter verzeihen. Ihr könnt ja in den Kommentaren Stellung nehmen :)

In 2 Wochen jedenfalls bleiben wir in Asien und versuchen, ein japanisches Gegenstück zu Swordsman 3 zu finden.

Posted in Filmkritik, Morphium Filmclub | 1 Comment »

One Response

  1. Morphium Filmclub – Gemini | Morphium-Film Blog Says:

    [...] als das letzte Mal konzentrierte sich die Diskussion auf den Film an sich, war doch Swordsman 3 eher nostalgisch als filmisch interessant (und das sage ich als Fan von Ching Siu-Tung, der hier [...]

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.