Morphium Filmclub – Dear Wendy
Der Filmclub dieser Woche sollte unter dem Stichpunkt ’skandinavisches Kino’ stattfinden. Davon abgesehen, dass Dänemark gar nicht offiziell zu Skandinavien zählt – was soll man davon halten, wenn zwei dänische Filmemacher mit englischen Darstellern einen Film über Amerika drehen? Ist das dann noch skandinavisches Kino? ‘Dear Wendy’ beweist: irgendwie schon.
Dear Wendy markiert die erste kreative Zusammenarbeit der beiden Dogma-Ikonen Thomas Vinterberg und Lars von Trier. Beide hatten zuvor schon an den D-Dag-Filmen gearbeitet, waren dort aber getrennt voneinander tätig. Nun also ein Drehbuch von Lars von Trier, das von Vinterbeg inszeniert wurde. Die beiden Dogma-Vorsitzenden, die sich aufgemacht haben, unsere Sehgewohnheiten zu verändern mit einem dänsichen Film über amerikanische Kultur. Ob die Wildheit und Thesenhaftigkeit des Dogmakinos dabei noch spürbar ist, soll sich zeigen – klar ist aber, dass der Film einem internationalen Publikum deutlich leichter zugänglich war; ein kommerziell funktionierender Kunstfilm also.
„Obwohl bei weitem nicht so abstrakt, erinnert das Produktionsdesign in seiner Künstlichkeit stark an das von Dogville. Oder vielmehr der gesamte Stil – für Dear Wendy hat Lars von Trier das Drehbuch geschrieben. Dick eröffnet als Erzähler den Film und beendet ihn; Geräusche und Nebentöne sind manchmal nur schwach zu hören, als lägen sie in weiter Ferne; die Musik wiederum drängt sich in den Vordergrund – die Lieder von The Zombies sind Teil der Handlung. Neben den besonderen akustischen Mitteln findet sich hier auch das für von Trier typische Spiel mit verschiedenen Bildarten, mit Zeitlupe, Standbildern, Fotos und Zeichnungen. Und schließlich erinnert der Umgang mit Moral an seinen verstörenden Film: Sympathiegefühle werden durcheinander gebracht oder können erst gar nicht entstehen. Stets möchte man sich auf die Seite der Pazifisten schlagen, doch dann leuchtet ein Warnsignal. Selbst beim dramatischen Finale entsteht kein Mitgefühl, genauso wenig wie beim Inferno in dem Dorf in den Rocky Mountains.“ (Sarah-Mai Dang auf www.critic.de)
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Die Diskussion drehte sich größtenteils um die Intention von ‘Dear Wendy’, was durchaus ungewöhnlich ist, bei einem Film, dessen Aussage so naheliegend scheint. Ein Film, der zeigt, wie ein harmloses Spiel mit Pistolen in eine Schießerei führt. Wenn das keine Kritik am amerikanischen Umgang mit Waffen ist (So sieht es zum Beispiel auch Roger Ebert).
Und doch hatten einige von uns das Gefühl, der Film wäre schwer zu erschließen, und durchaus offen für Deutungen. Sind die Waffen aus ‘Dear Wendy’ letztlich nicht mehr als ein MacGuffin? Ich finde es immer wieder spannend, im Kopf das zentrale Objekt eines Films durch ein anderes auszutauschen. Was wäre, wenn die Dandys kein Pistolenclub, sondern ein Handyclub wären. Und wenn es die antiken Liebhaberhandys gebe, die gestreichelt werden wollen, und demgegenüber die funktionalen Handys, die eben zum Telefonieren da sind. Ok, aus diesem Blickwinkel würde der finale Shootout seltsam wirken, aber ich glaube der Punkt ist verständlich. Am Ende des Films jedenfalls ist es so, dass die gepflegten Liebhaberwaffen namenlosen Tötungsmaschinen gegenüberstehen. Eine generelle Waffenkritik kann ich hier beim besten Willen nicht erkennen.
Für mich der zentrale Punkt unserer Diskussion dieses Mal war der Streit, ob man allein der Filmrealität folgt, oder ob man seine eigenen Anschauungen und Werte auf einen Film übertragen kann. Ich selbst bin ein großer Verfechter davon, dass der Film uns alles Wesentliche erzählt, und wir ihn verstehen müssen, ohne die Filmrealität zu verlassen. Und ‘Dear Wendy’ glorifiziert nun einmal Waffen statt sie per se zu verurteilen.
Allerdings kann ich auch dem konträren Punkt folgen, der in der Diskussion aufkam – nämlich dass die Verurteilung von Waffen so im allgemeinen Bewusstsein ist, dass der Film sich dieser Meinung als Grundlage zum Verständnis bedient.
Am Ende des Abends waren wir uns denn aber größtenteils einig, dass die Pistolen in ‘Dear Wendy’ nur ein Mittel sind, um eine gesellschaftliche Satire zu zeichnen, die eher auf das Miteinander von Menschen (und durchaus auf amerikanische Klischees) abzielt, als auf eine vordergründige Waffenkritik.
Auf jeden Fall sorgen diese Unstimmigkeiten und das Mäandern um verschiedene Themen dafür, dass ‘Dear Wendy’ letzten Endes doch ein sehr dänisches Gefühl hinterlässt, und Amerika eben nur als Kulisse bleibt.
Sollte ich unsere Diskussion wieder zu subjektiv dargestellt haben, bleibt für alle Teilnehmer (und gern auch andere Diskussionswillige) das Kommentarfeld. Jens jedenfalls hat diese Woche die Auswertung in seinem Blog eröffnet.
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