Morphium Filmclub – Gemini
So, etwas hat es gedauert bis zum nächsten Filmclub. Schuld war das Debakel Deutschland gegen Argentinien, das nun wirklich dramaturgische Schwächen hatte, und wegen dem der Filmclub für eine Woche aussetzen musste.
Letzte Woche haben wir dann den 2. Asien-Filmclub nachgereicht – und was soll ich euch sagen: der Film kam besser an als der letzte, und dennoch waren die Schwierigkeiten mit der fremden Kultur wieder offensichtlich. Aber ich will nicht vorgreifen. Zunächst zum Film:
Shinya Tsukamoto ist einer der wichtigsten Vertreter des modernen japanischen Kinos, und neben Takashi Miike und Sion Sono mitverantwortlich für das Interesse des Westens an der extremen Form japanischer Filme.
“Tsukamoto ist der Cyberpunk. Verschmelzung von Mensch und Maschine à la David Cronenberg findet in seinem Werk genauso Platz wie schwarz-weiß gefilmte düstere Industrieviertel und Wohnmolochs. Ohne seinen überragenden “Tetsuo” dürfte sich die Ästhetik des modernen Videoclips zumindest im Independant-, Industrial- und Punkbereich komplett anders entwickelt haben.” (Mirco Hölling, Filmische.Ekstase.de)
Seine Leidenschaft zum Filmemachen entdeckte er mit 14 Jahren durch eine Super8-Kamera. Kurz darauf gründete er die Kaiju-Theatergruppe (von Kaiju = japanische Riesenmonster). Eines ihrer Theaterstücke ‘Denchu Kozo no boken’ sollte auch Tsukamotos erster Film werden, ein wildes Cyberpunk-Cut-Up-Werk.
Dann kam ‘Tetsuo’ und mit ihm der internationale Erfolg. Die blutige Mischung aus Cronenberg und Lynch stand seither synonym für Tsukamotos brachialen Inszenierungsstil. Nicht ganz zu recht, wie er 1999 mit ‘Gemini’ bewies.
‘Gemini’ ist der erste Film von Shinya Tsukamoto, der auf einer Literaturvorlage basiert, der Erzählung ‘Sôseiji’ des japanischen Autoren Edogawa Rampo (ein Pseudonym, das auf der japanischen Aussprache von «Edgar Allan Poe» beruht) von 1956. Und ob es nun die Präsenz der Vorlage ist, oder ob die jugendliche Wut aus Tsukamoto verschwunden ist: ‘Gemini’ präsentiert sich als zwar bildgewaltiger, doch sehr ruhiger, narrativ sehr strukturierter Film, der selbst einem westlichen Publikum leichter zugänglich ist. Tatsächlich liegt dies auch an den in unserer Kultur vertrauten Motiven – die Klassengesellschaft, die Bruderfehde. Letztlich erzählt Tsukamoto hier die Geschichte des jungen Moses. Ob bewusst oder indirekt aufgrund der Literaturvorlage sei dahingestellt. Im modernen japanischen Kino ist die westliche Kultur viel gegenwärtiger als in alten Filmen Kurosawas, oder im chinesischen Kino.
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Mehr als das letzte Mal konzentrierte sich die Diskussion auf den Film an sich, war doch Swordsman 3 eher nostalgisch als filmisch interessant (und das sage ich als Fan von Ching Siu-Tung, der hier halt nicht an die Klasse von Chinese Ghost Story ranreicht). Tsukamotos ‘Gemini’ hingegen ist ein visuell atemberaubender, filmisch sehr clever strukturierter Film, auf den man sich jedoch einlassen muss.
Die erste Hälfte des Films ist noch einfach nachzuvollziehen; sehr linear und mit ruhigen Bildern schreitet ‘Gemini’ voran. Die Agonie der gehobenen Klasse wird in steifen, farblosen Bildern verdeutlicht, die mit ausdauernder Ruhe komponiert sind: fast erschreckend ist das Bild des Liebespaares, das in seinem Bett von einer tiefen Kluft getrennt ist, in der sonst die Mutter zwischen den beiden schläft. Dann wieder von anregender Schönheit; das Bild einer Näherin, am unteren Bildrand sitzend, die uns den Rücken zukehrt. Nur alle paar Sekunden geht ihr Arm in die Höhe, wenn sie die Nadel neu ansetzt.
Diese stille Gesellschaftskritik, die Darstellung der emotionalen Kälte, scheint typisch zu sein für das moderne japanische Kino, jedenfalls erzählte uns das die Doku von Nagisa Ôshima, die wir uns im Vorfeld angeschaut haben. Und ein weiterer spannender Satz aus der Doku blieb uns während des Screenings in Erinnerung: das japanische Kino, so sagt Oshima, wäre die ersten hundert Jahre nicht aus den Kinderschuhen herausgewachsen, nie aus Japan herausgekommen; und es würde auch die nächsten hundert Jahre nicht geschehen.
Diese harte Aussage war durchaus gegenwärtig im zweiten Teil des Films, der durch wunderschöne, folkloristisch anmutende Kostüme besticht, und dabei fast opernhaft inszeniert ist. Selbst die Logik bleibt in diesem Part von ‘Gemini’ auf der Strecke. Die Handlung verlässt die vorgegaukelte Realität und taucht komplett in die Filmrealität. Wenn man sich auf diese abstruse, jeglicher Logik entbehrende Filmrealität nicht einlässt, hat der Film verloren. Schafft man es aber, die Realität auszuschließen, und nur der Struktur des Films zu folgen, offenbart sich dem Zuschauer ein filmischer Tanz, der sich den modernen Stilmitteln in einer Selbstverständlichkeit bedient, die man im westlichen Kino suchen muss.
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