Berlinale 2011 Gegenprogramm #1 – Uwe Boll ‘Auschwitz’
Die Premiere ist vorbei, der Vorhang gefallen, AUSCHWITZ gelaufen. Der größte Teil des Filmstabs bleibt an diesem Sonntagabend namenlos – der Abspann wird auf Anweisung des Regisseurs abgebrochen. Ich freue mich, bei der Premiere anwesend zu sein und lausche den Worten, die Doktor Uwe Boll dem Film hinterherschickt. Er macht das gut. Langweilig ist es zumindest nicht und das ist die Hauptsache. Doch alle freundliche Routine im Umgang mit Presse und Fans, bei all seinen Jokes und seinem Lächeln: Uwe Boll kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass etwas an diesem Abend nicht stimmt. Eine ausgelassene, freudige Premierenstimmung will sich nicht einstellen, und das bestimmt nicht nur wegen der finsteren Thematik des Films.
Schließlich ist auch die Pressekonferenz überstanden, Kinokarten und DVDs einiger unverzagter Bollisten sind signiert. Er hat gelächelt, gelacht und beim Publikum für den einen oder anderen guten Lacher gesorgt. Ein Mitarbeiter des altehrwürdigen Kinos BABYLON am Rosa-Luxemburg-Platz patroulliert noch einmal abschließend durch die nun menschenleeren Reihen des Vorführsaals und schaut nach, ob nicht ein unachtsamer Besucher ein Kleidungsstück vergessen hat. Dann geht er hinaus und schließt die Türe hinter sich. Uwe Boll nimmt Platz. Jetzt gehört er uns.
Leider war der zeitliche Rahmen zu begrenzt um noch weitere Themen zu beackern, zwei Abgesandte (vermutlich) des Spiegels scharrten nach einer knappen halben Stunde auch schon dezent genervt mit den Füßen (nicht, dass uns das stören würde). Zu Uwe Boll und seinem neuen Film möchte ich trotzdem noch ein paar Worte loswerden.
Wie zu erwarten, waren die Kritiken zu AUSCHWITZ am Montagmorgen auf sämtlichen Onlinemedien höhnisch bis vernichtend, sieht man von einem etwas milder gestimmten Bericht im Tagesspiegel und einem, jedoch bereits anlässlich einer exklusiven Vorpremiere verfassten Review auf dem empfehlenswerten Filmblog DAS MANIFEST, einmal ab.
Amüsant ist es zu sehen, wie der größte Teil der Schreiberlinge des Feuilletons ihre Aggressionen, die sich wohl beim ewig andauernden Verfassen nichtssagender, totschematisierter Blockbuster-Reviews aufgestaut haben, in ihre Boll-Berichte packen. Endlich können sie mal die Sau rauslassen. Eine fundierte und objektive Auseinandersetzung mit dem Film und seinem Macher findet jedoch kaum statt.
Wir hatten mit Uwe Boll einen Mann vor der Kamera, der das Kino liebt. Das spürt man. Und man kann es sehen, ganz groß auf der Leinwand. Uwe Boll ist Filmemacher und mit Sicherheit nicht der schlechteste aller Zeiten. Bei der Bewertung seiner Filme sollte man sich wieder einmal fragen, sich selbst noch einmal klarmachen, was man eigentlich von einem Kinofilm erwartet. Unterhaltung. Gut. Interessante Stoffe. Natürlich! Und vorallem: Spürbare, erlebbare Leidenschaft und Liebe zum Film. Ja, genau das! Mut und Leidenschaft braucht ein guter Film und ein guter Regisseur. Beides hat Uwe Boll auf seiner Haben-Seite. Er schafft es immer wieder, teils mit abenteuerlichen Methoden, Geld für die Realisierung seiner Projekte aufzutreiben. Er gibt nicht auf. Er kurbelt die Streifen ab. Und er bringt sie raus! In einem unglaublichen Höllentempo. Auch ohne Rückendeckung der Medien und ohne Finanzspritzen aus Filmförderprogrammen. Mehr Indepentent geht nicht. Film ist Business.
Filme drehen ist Handwerk. Und Uwe Boll ist Handwerker. Mit seinen Werken und seiner Persönlichkeit schafft er das, woran die meisten scheitern: Die Magie des Kinos heraufzubeschwören. Uwe Boll, verschrien als gewissen- und talentloser Ökonom, der Filme produziert um die dicke Kohle abzusahnen, als grobschlächtiger Pitbull ohne Gefühle, der seiner Oma noch die Gurgel durchbeißen würde, hätte sie ein 50-Pfennigstück verschluckt, ist in seinem Wesen tatsächlich Kind geblieben, das an die Magie des Kinos glaubt und von ihr gefesselt ist. Das macht ihn so angreifbar, so verletzlich. Aber er macht weiter. Das verdient unseren größten Respekt.
Wie ein roter Strang zieht sich durch sein gesamtes filmisches Oevre das Motiv des Wettkampfs. Da waren die Computergameadaptionen wie FAR CRY oder POSTAL, neueren Datums haben wir MAX SCHMELING und abseits der Leinwand Aktionen wie das höchst vergnügliche Verdreschen seiner größten Kritiker im Boxring. Uwe Boll scheut keinen Vergleich, er sucht ihn. Das Motiv des Wettkampfs. Betrachtet man es von diesem Standpunkt aus, ist es leicht nachzuvollziehen, warum sich Uwe Boll über die Ablehnung von AUSCHWITZ, seinem Wettbewerbsbeitrag, auf der Berlinale 2011 so geärgert hat.
Mit diesem besonders schweren Stoff wollte sich Boll wohl endgültig von eher banalen Themen verabschieden und Anerkennung als ernstzunehmender Filmemacher erfahren. Einen Akt der Vergangenheitsbewältigung könnte man das nennen. Doch noch immer scheint für seine Altlasten kein Endlager gefunden zu sein. Keine Absolution. Immer wieder kommen Streifen wie HOUSE OF THE DEAD oder BLOODRAYNE auf den Tisch, natürlich auch auf der AUSCHWITZ-Pressekonferenz und sowieso immer dann, wenn mal wieder ein gelangweilter Filmnerd einen Forumsbeitrag zu Trashfilmen auf einer einer der einschlägigen Webseiten aufreißt. Kinder und Internet können grausam sein.
Ich sehe den Film AUSCHWITZ als wohl platzierten Faustschlag ins Gesicht des banalen Massengeschmacks. Uwe Boll selbst leitet mit einer Ansprache das Geschehen des Films ein, sein Gesicht nimmt dabei die gesamte Leinwand ein.
Dann geht er in einen langen Interviewpart über, in dem Boll, ähnlich wie Dieter Bohlen bei DSDS, völlig überforderte und verunsicherte Hauptschüler gnadenlos vorführt.
Der anschließende fiktive Part nimmt mit einer gefühlten halben Stunde nur etwa ein Drittel der Gesamtspielzeit ein und ist durch und durch von einer unglaublichen Kälte geprägt. Gerade die eher an Exploitationflicks wie ILSA – SHE WOLF OF THE SS denn an SCHINDLERS LISTE erinnernde Atmosphäre macht den Film noch böser. Schade, dass die versucht seriöse, historisch exakte Herangehensweise an das Thema unter dem geringen Budget leidet, und einfach zu viele Ungenauigkeiten hervorbringt.
Herausstechend gut inszeniert ist der Dialog zwischen zwei Nazi-Offizieren, die sich einen Wachholderschnaps nach dem anderen hinter die Binde kippen. Dabei unterhalten sie sich über fällige Reparaturarbeiten an den Öfen und die Einteilung der Urlaubspläne der KZ-Wachmannschaft. Deutscher kann ein Stammtisch nicht sein.
Kino soll die Menschen bewegen. AUSCHWITZ tut das.
In diesem Sinn – einen Wachholder auf Uwe Boll.
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