Berlinale 2011 Gegenprogramm #2 ´GEGENGERADE 20359 ST. PAULI´
GEGENGERADE 20359 ST. PAULI, gesehen bei seiner Premiere im Rahmen der Berlinale 2011, ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich.
An erster Stelle sei das wunderbar durchgeknallte Ensemble genannt: Der legendäre Westernschurke Mario Adorf, die frivole Vivian Schmitt, „der Jimi“ Christian Rudolf, der wunderbare Bruder des Metzgers – Uwe Rohde, Sexy-Cora - in ihrer letzten Rolle als Sexy-Cora, der unvermeidliche Moritz Bleibtreu, dann noch die Creme de la Creme unserer liebsten Tunichtgute von U96 und und und … allesamt großartig! Denis Moschitto, Fabian Busch und Timo Jacobs, die die Hauptrollen innehaben, liefern durchweg eine souveräne Performace ab.
Wie im 2. Teil unseres diesjährigen Berlinale Gegenprogramms unschwer zu sehen, war die Premiere und die anschließende Party außerordentlich spaßig und wird, wohl auch beim Management des Grand Hotel Esplanade, nicht so schnell in Vergessenheit geraten:
Außergewöhnlich ist auch der Regisseur. Tarek Ehlail, gerade mal 29, der mit seiner SABOTAKT Gang früher Punk-Boxfights veranstaltete und für kurzweilige Frühwerke wie BONOBO verantwortlich zeichnet, bringt nach CHAOSTAGE – WE ARE PUNKS! nun mit GEGENGERADE bereits seinen zweiten Film in die Kinos. Wie seinem ruppigen Vorgänger wohnt auch diesem Streifen wieder eine ungestümte Power inne, ist aber wesentlich strukturierter und knackiger erzählt. Ehlail schafft es, wie kaum ein anderer, den Enthusiasmus, die Energie und den Spaß von Cast und Crew auf die Leinwand zu bringen.
Visuell gibt es ordentlich was aufs Auge: Wunderbar harte, schnelle Schnitte, präzise und ästhetisch wie eine Rechts-Linkskombination des einstigen Muhammad Ali und die wohl beste und bei weitem brutalste Polizei-Prügelszene, die hierzulande bisher im Kino zu sehen war. Die schelmisch unmenschlich-roboterhaft inszenierten Riot-Cops mit straßenkampf-erprobten Punkrockern zu besetzen, war definitiv eine richtige Entscheidung. Und wenn Mario Adorf vor den Trümmern seiner brennenden Currybude in die Knie geht, möchte man fast in Freudentränen ob dieser ganzen geballten Unsinns-Dramatik ausbrechen. Ein wahrer Augenschmaus, der hin und wieder ein wenig an die Filme von Guy Ritchie erinnert.
Wer nun vermutet, dass sich GEGENGERADE selbst nicht allzu ernst nimmt, liegt damit durchaus nicht falsch. Die Charaktere und die dargestellte Gewalt sind gnadenlos überzeichnet. In der episodisch angelegten Geschichte wimmelt es von selbstironischen Anspielungen. Das funktioniert und macht Spaß.
Einen Film zu drehen, dessen Szenario in einem speziellen Fußball-Fan-Milieu angelegt ist (hier dem des FC St. Pauli), ist nicht unbedingt einfach. Wie zu erwarten war, hat GEGENGERADE bereits jetzt, noch vor dem Kinostart, einiges an Kritik eingefahren. Diese kommt hauptsächlich aus dem Lager der Anhänger des Vereins, die argwöhnisch die Darstellung ihrer Fankultur und ihres Kiezes betrachten, die Ausverkauf und noch mehr Trendies im Stadion befürchten, was durchaus nachzuvollziehen ist. Vergessen wird hierbei allerdings, dass es sich bei GEGENGERADE um einen fiktiven, actiongeladenen Fußball-Film handelt, der sein Publikum unterhalten will und nicht um eine akribisch recherchierte Dokumentation über die Fanszene des Vereins.
Die positive, unverfrorene Rebel-Attitude des FC St. Pauli und seiner Fans fängt der Film jedoch in seinem Spirit meiner Ansicht nach sehr gut ein und spiegelt mit seiner guten Laune und dem derben Humor durchaus das Millerntor wieder.
Außergewöhnlich gut gelungen ist ebenfalls der Soundtrack, den zum größten Teil die Jungs von EGOTRONIC / AUDIOLITH und Hamburgs Punkband schlechthin, SLIME, abgeliefert haben.
Allen, die mit Fußball nichts anfangen können sei noch gesagt, dass in diesem Film keine einzige Szene enthalten ist, in der Fußball gespielt wird. Und allen Movie-Hools, Dauerkinokarten-Ultras und Popcornschmeissern der Kategorie C sei hiermit geraten, sich ab 31. März in die Gegengerade des nächsten Kinos zu begeben!
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