Morphium Filmclub – Winterreise
Wieder einmal wird es kalt und kälter, die Nasen nasser, besorgniserregende Hustenanfälle, Harald Töpfer Filme und Terrorwarnungen der Bundesregierung häufen sich dieser Tage derart, dass man ihnen nur noch mit der abgebrühten Coolness altgedienter Frontschweine begegnet. Im bis auf den letzten Sitzplatz restlos ausverkauften MF-Office, fanden sich am 19.11. neben den üblichen Verdächtigen erfreulich viele quietschvergnügte Filmclubber ein, die sich neben Erdnussflips, NES und Kronkorken selbst auf den Boden krümelten, um sich mit Hans Steinbichlers „Winterreise“ auf die kommende Eiszeit einzustimmen.
Winterreise
Deutschland 2006
Regie: Hans Steinbichler
Darsteller: Josef Bierbichler (Franz Brenninger), Hanna Schygulla (Martha Brenninger), Sibel Kekilli (Leyla), Phillip Hochmair (Xaver), Anna Schudt (Paula), Brigitte Hochmeier (Jacqueline), Johann von Bülow (Holger Mankewski), André Hennicke (Friedländer), Klaus Manchen (Botschafter) u.a.; Drehbuch: Hans Steinbichler, Martin Rauhaus; Produktion: Uli Aselmann, Robert Marciniak, d.i.e.film.gmbh; Kamera: Bella Halben; Musik: Antoni Lazarkiewicz; Länge: 99 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; deutscher Kinostart: 23. November 2006
Der Film erzählt die Geschichte des Brenninger Franz und der ist ja schon nen Typ. Nicht nur seine imposante Statur, auch seine treffsicheren, oftmals erfrischend unkorrekten Sprüche, seine Hau-Ruck-Attitüde und der gelegentliche Hang zur Gewalttätigkeit, erinnerten mich eins ums andere mal an den, man muss diese Vokabel an dieser Stelle einfach anbringen, gottgleichen Bud Spencer. Stets aufs miesepetrigste gelaunt, pflaumt und poltert sich Franz durch den tristen, freudlosen Alltag. Leicht hat er es aber auch wirklich nicht gerade: Da ist Holger Sparkasse, der ihm den Geldhahn abdrehen will, denn des Brennigers Firma ist ein reines Minusgeschäft. Immerhin reicht das Geld noch für gelegentliche Besuche im Wasserburger Freudenhaus und den obligatorischen Strauß Blumen, den Franz seiner mit einer Engelsgeduld gesegneten Gemahlin Martha, welche obendrein auch noch zu Erblinden droht, im Anschluss an seine Ausbüchser überreicht. Dann das Liebesleben des Paares – Total zum Erliegen gekommen, Sprachlosigkeit und Unverständnis regieren. Kein Wunder also, dass sich der musisch interessierte Franz gerne über Headphones a zünftige Deprimusi reinzieht, um den ganzen Schmarrn wegzudröhnen.
Desweiteren sind da noch seine beiden erwachsenen 08/15-Kinder, welche ihren Pa für latent verrückt halten, womit sie ja möglicherweise nichtmal so falsch liegen, ihm jedoch zugleich das Gefühl vermitteln, zum alten Eisen zu gehören. Als ihm der undankbare Nachwuchs schließlich nahelegt abzutreten und Platz zu machen, geht Franz, dem Macher, dem alten Praktiker, endgültig und nicht ganz zu Unrecht, der Hut hoch.
Was in ihm vorgeht, kann oder will in seiner Umwelt also eigentlich niemand verstehen. Immer tiefer sinkt Franz ins finstere Tal der Depression, ohnmächtig und unfähig, sich aus eigener Kraft aus der misslichen Lage zu befreien. Man ahnt es, es steht im Raum und des Brenningers Vater hing dem Sohn ja bereits mit gutem Beispiel voran: ein Strick ums Genick wäre durchaus ein Ausweg aus der vertrakten Situation.
Ein dubioser Brief aus Afrika, der ein halblegales Geldgeschäft mit horrendem Gewinn in Aussicht stellt, ist des Franzls letzter Strohhalm – Holger Sparkasse schlägt da natürlich die Hände überm Kopf zusammen. Mit 50.000 Cash steigt Brenninger ein und will sowohl die für Mrs. Brenningers Augen-OP vorgesehenen Talerchen wieder einspielen als auch der ganzen vermaledeiten Misere allgemein ein Ende setzten. Na, wenn der Jute da mal nicht zu hoch gepokert hat…
Hier kommt die phantastische Sibel Kekilli ins Spiel, die wie immer Hardcore war, jedoch in der Rolle der Übersetzerin Leyla seltsamerweise etwas untergeht. Nicht, dass ihre schauspielerische Leistung diesmal zu wünschen übrig gelassen hätte, nein, eher ihre etwas farblose und ein wenig stiefmütterlich behandelte Figur im sonst durchweg sehr anständigen Film, verblasste neben der des schillernden Josef Bierbichlers.
Am Ende der zuletzt etwas holprigen, trotz der relativ ernsten Thematik aber ziemlich vergnüglichen Winterreise, stehen drei Sonnen am Himmel über der Savanne und final dann doch kein Seil sondern ein sauberer Headshot. Allgemeines Resümee des Publikums: Die Reise hat sich gelohnt!
Damit heißt es: Ring frei für die Massenkeilerei! Was nun trieb den Brenninger in den Freitod, war es Wahnsinn oder Depression? Steckte in diesem Streifen zuviel drin und kam zuwenig raus oder umgekehrt? Warum Puste und nicht Baumeln? War Kenia jetzt eigentlich Britische Kolonie oder nicht? Hagebau, Obi oder Praktiker?
Und jetzt kommt ihr.
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